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Weihnachten auf TerraAmica, oder: Wie mir ein Huhn abhanden kam.

Verschiedene Möglichkeiten standen im Raum, aber als ich nüchtern überlegte, war mir schnell klar, dass ich auf TerraAmica feiern wollte – schon allein der Bequemlichkeit halber. Ich wollte nicht schon wieder verreisen, nicht schon wieder den Berg, die Gemeinschaft, verlassen. War ich doch nach mehreren Wochen Abwesenheit gerade erst wieder so richtig hier angekommen.

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Aussicht aus dem Jome nach dem bisher einzigen Schneefall im Dezember.

 

Außerdem musste sich ja jemand um die Tiere am Bachhaus kümmern, da ihre Besitzer sich, anders als ich, über die Feiertage in Deutschland aufhielten.

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Bachhaus im Winter – oben Wohnraum, unten Lagerraum.

Nie zuvor in meinem überwiegend städtischen Leben habe ich mich um Hühner kümmern müssen (oder dürfen). So war es eine besondere Erfahrung, dem Federvieh (vier Legehennen und einem Hahn) jeden Morgen Futter und Wasser zu geben. Und dann am frühen Abend ein bis vier Eier einzusammeln. Die Zahlen stimmten allerdings nur bis zum Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages…

Ehrlich gesagt finde ich Hühner doof. Die gemalten in der Petterson und Findus-Buchreihe sind ja noch ganz niedlich. Aber als ich hörte, dass echte Hühner alle möglichen Parasiten haben können, wo ich doch hier auf TerraAmica eh Probleme damit habe, dass ich alle Nase lang Bisse spüre (ob echte oder eingebildete, ist dabei ganz unerheblich, jucken tun sie beide), da waren mir die echten Hühner schlagartig vollkommen suspekt und unsympathisch. Und außerdem kacken sie überall hin – als ob die abschüssigen Hänge nicht schon rutschig genug wären… Naja, aber so ein Ei in die Hand zu nehmen, dass am Morgen noch nicht existierte, und es dann in die Pfanne zu hauen, ist schon besonders. Da war es schon ganz ok, jeden Morgen den kuschelig warmen Jome verlassen zu müssen, um sie aus dem Stall in ihr Gehege zu lassen.

Heiligabend verbrachte ich alleine, mit in Glühwein gekochtem Rinderragout und Kartoffelklößen. Der Glühwein war ein Tipp von Karina, unserer begeisterten und professionellen Köchin. Da ich nachmittags im Bachhaus kochte, ließ ich ausnahmsweise einmal, sozusagen als Weihnachtsgeschenk, die Hühner aus ihrem Gehege. Da im Wald Habichte leben, die sich nur zu gerne so ein liebevoll rund gefüttertes Hühnchen krallen, kann man die Hühner nur dann aus dem nach oben hin geschlossenen Gehege lassen, wenn sich Menschen am Haus aufhalten. Nun konnte sich das liebe Federvieh mal wieder frei über den Waldboden bewegen und nach Herzenslust scharren.

Nach Einbruch der Dämmerung, während meine zweite Ladung Kartoffelklöße im sanft wallenden Salzwasser auf der Bachhaus-Hexe (so heißen die mit Holz befeuerten Koch- und Backöfen) gar zog, ging ich pflichtschuldig zum Gehege, um den Hühnerstall zu verschließen. Karina hatte mir gesagt, die Hühner würden ganz von selbst mit der Dunkelheit im Stall verschwinden. Und tatsächlich, draußen sah und hörte ich nichts mehr. Praktisch, dachte ich, ließ die Klappe herunter und schob noch den Riegel vor. Wer weiß, wie schlau so ein Fuchs oder Marder ist.

Mein Heiligabend war idyllisch. Ich genoss es, allein zu sein und mir den Abend so einzurichten, wie es mir gefiel.

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Blick in den von Micha fürs Wichteln festlichen geschmückten Dachstuhl – alle Balken heimische Kastanie!

Sicher ziemlich langweilig für jemand anderen, aber mich machte es glücklich, mich kulinarisch zu verwöhnen, und dann, vor dem Ofen liegend, einem Hörspiel zu lauschen, bis ich mich so richtig bettschwer fühlte.

Eine vielleicht nicht unwichtige Zutat meines Wohlbefindens war es, dass ich keine 200 Meter weiter östlich im CasaGrande Familie Stolzen-Bähr wusste, die ihr wundersüßes Weihnachtsfest feierten.

Am nächsten Morgen ging ich recht früh wie üblich zum Bachhaus, um den Hühner ihr Körnerfutter und Wasser zu geben und sie dann aus dem Stall zu lassen. Allerdings kam mir bereits oben am Haus ein braunes Huhn entgegen. Hups, dachte ich. Na so etwas. Puh, Glück gehabt… „Wo hast du denn die Nacht verbracht, du kluges Huhn?“

Die Legehenne gurrte leise, und ließ sich ohne große Schwierigkeiten ins Gehege scheuchen. Schließlich wollte ich die Hühner heute nicht wieder frei herum laufen lassen, ich würde mich ja nicht am Bachhaus aufhalten. Ich verließ das Gehege, verschloss es, ging darum herum und griff seitlich zwischen Netz und Hühnerstall hindurch, um den Riegel zurück zu ziehen, welcher die Klappe verschließt. Die Hühner gurrten und glucksten schon ungeduldig.

Aber als ich die Klappe nach oben geschoben hatte und sie sich die Hühnerleiter hinab stürzten, als gäbe es etwas Besonderes zu fressen, stellte ich betreten fest, dass nur zwei weitere Legehennen im Gehege waren. Eins, zwei, drei… hmmm? Auch als ich das Dach vom Hühnerstall (die Wartungsluke, sozusagen) anhob, kam kein weiteres Huhn zum Vorschein. Hm, dachte ich wieder – sind das dahinten etwa Federn? Lagen die gestern schon da?

Nein, die hatten am Vortag noch nicht da gelegen. Eine Spur von Federn, wie man sich das so vorstellt wenn ein kleines, vierbeiniges Raubtier ein flatterndes Huhn wegträgt oder zieht, zog sich gen Bach den Hang hinab. Vom Huhn selbst war keine Spur mehr zu sehen, auch keine Knochen, auch zwei Tage später nicht, als ich noch einmal alles absuchte.

Obwohl ich etwas betrübt war, weil Jan und Mo die Hühner schon als Küken groß gezogen hatten, und ich das Gefühl hatte, meinen Job nicht so richtig gemacht zu haben, musste ich dann doch lachen, als ich den Hang wieder zum Bachhaus hoch stiefelte. Es war doch auch zu abstrus, dass ich ausgerechnet am Heiligabend, wo es doch Frieden auf Erden geben soll, und nachdem ich den Tieren einen Gefallen hatte tun wollen, irgendwie ein Huhn verloren hatte! Und es wahrscheinlich, während ich glückstrunken vor dem Ofen lag und „Harry Potter“ lauschte, sein Ende gefunden hatte.

Aber so ist es, wenn man ländlich, im Wald, und mit Nutztieren, lebt.

Es war trotzdem ein schönes Weihnachtsfest.

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